Die Freimaurer

Die Freimaurer | Die geheimnisvollen Rituale der verschworenen Logenbrüder

(Quelle: P.M.-History 4/2001)
Seit Jahrhunderten wirken sie im Verborgenen und haben sich zum Ziel gesetzt, eine bessere Welt, einen besseren Menschen zu schaffen.
Dennoch wurden sie von kirchlichen und weltlichen Herrschern verfolgt und verdächtigt, eine weltrevolution vorzubereiten. Was steckt hinter dem geheimnisvollen Bund, der lange Zeit den Männern vorbehalten war?
von Gerhard Wisnewski

Die Baustelle des Kölner Doms war ein unglaubliches Durcheinander. Überall standen Kräne, Hebel, Rampen und Seilzüge herum. Zimmerleute sägten und nagelten an den Balken, Maurer holten den Mörtel aus einer in den Boden eingelassenen Wanne, Helfer schleppten Steine, Balken und Eimer. Wie zufällig verteilt standen dazwischen
hölzerne Hütten, in die man geschäftige Menschen ein- und ausgehen sah: Vor dem Eintreten bemerkte man , wie sie verborgene Zeichen machten und geheimnisvolle Formeln murmelten. Es waren die Hütten der Freimaurer.

So könnte sie ausgesehen haben, die Geburtsstunde der Freimaurer: Schon der Name hinterlässt jede Menge Fragezeichen. Freimaurer: Was soll das sein? Ein Geheimbund? Eine Sekte? Eine Partei? Oder sogar eine Kirche? Haben Sie wirklich gemauert, und inwiefern waren sie frei? "Bedeutende Männer haben bedeutsame Antworten formuliert", so Professor Alexander Giese in seinem Buch "Die Freimaurer", "Bibliotheken sind geschrieben worden, um zu erklären, was die Freimaurerei ist und was nicht." Mit mäßigem Erfolg: Einigermaßen klar scheint nur zu sein, was die Freimaurer nicht sind: Sie sind keine Kirche, keine Sekte und auch kein Geheimbund.
Dennoch hatten die Freimaurer ein Geheimnis. Nämlich wie man es schafft, die gewaltigsten Kirchengebirge des Mittelalters zu errichten, zum Beispiel das Straßberger Münster (Baubeginn 1176, Turmhöhe 142 Meter), das Ulmer Münster (Baubeginn 1377, Turmhöhe 161,5 Meter) oder den Wiener Stephansdom (Baubeginn 1137, Turmhöhe 136,7 Meter).

Vor knapp tausend Jahren war unter Europas Kirchenfürsten ein Wettstreit um den prächtigsten Dom ausgebrochen - so etwas wie das Mondprogramm des Mittelalters. Allein in Frankreich wurden zwischen 1050 und 1350 für den Kirchenbau mehr Steine gebrochen als in der gesamten Geschichte des alten Ägypten - genug zum Bau von 80 Kathedralen, 500 großen Kirchen und Zehntausenden von Gemeindekirchen. Man nannte das den "Kreuzzug der Kathedralen".
Die Freimaurer waren die Krieger dieses Kreuzzuges. Sie waren die Experten, auf sie waren die Kirchenfürsten angewiesen. Sie kannten die Geheimnisse der Steinbearbeitung, der Geometrie und der Statik, mit denen es gelingen konnte, so gewaltige Steingbirge wie den Kölner Dom (Baubeginn 1248, Turmhöhe jeweils 157,4 Meter) anzuhäufen.

Bis ins 13. Jahrhundert hinein arbeiteten größtenteils Mönche als Steinmetze und Bildhauer an den Kirchenbauten, die ihr handwerk in regelrechten Klosterbauschulen lernten. Im Vergleich zu ihren Brüdern, die an ihr Kloster gebunden waren, genossen sie jedoch ein enormes Maß an Freiheit: "Schon diese Bruderschaften reisten von Land zu Land, von Baustelle zu Baustelle", erklärte Professor Alexander Giese (der ehemalige Großmeister der Großloge in Österreich). Schon im 12. Jahrhundert entstanden in den Städten zusätzlich sogenannte Zünfte - fachliche Vereinigungen örtlicher Handwerker. Sie arbeiten hauptsächlich im nichtkirchlichen, "profanen" Bereich. Auch diese Zünfte hatten viel von dem, was man später unter Freimaurerei verstand: strenge, geschriebene Satzungen, eine Hierarchie aus Meistern und Lehrlingen und genau definierte Zunftbräuche.
"Der Lehrling schaue in sich, der Geselle um sich, der meister über sich", heißt das inzwischen bei den Freimaurern. Ihre Aufnahmestatuten aus dem "Constitutionen-Buch" von 1723 gelten im Prinzip heute noch: "Die als Mitglieder einer Loge aufgenommenen Personen müssen gute und aufrichtige Männer sein, von freier Geburt, in reifem gesetztem Alter, keine Leibeigenen, keine Frauen, keine sittenlosen und übel beleumdeten Menschen, sondern nur solche von gutem Ruf." Noch heute müssen Logenbrüder bei der Aufnahme geloben, sich mit ganzem Herzen der Humanität zu widmen, den Brüdern mit Rat und Tat zur Seite zu stehen und vor allem verschwiegenheit zu wahren.

Die Geheimnistuerei der Freimaurer war noch nie etwas Besonderes. Sie gehört zum Handwerk wie der Nagel zum Zimmermann: "Schon sehr früh wurden gewerbliche Fertigkeiten innerhalb der Familie oder Sippe vererbt, die Fremden gegenüber geheim gehalten wurden", heißt es in einem Lexikon über die Anfänge des Handwerks. Die Mauschelei diente der Abschottung von Arbeitsmärkten und der Wahrung von Berufsgeheimnissen. Denn nicht erst für den Steinmetz des Mittelalters, schon für den steinzeitlichen Hersteller von Faustkeilen waren seine Fertigkeiten sein wichtigstes Kapital. Später war der andere Handwerker nicht nur Kollege im modernen Sinne, sondern Bruder und "Mitverschwörer" zur Auswertung und Wahrung der eigenen Kenntnisse. Die Handwerkergemeinschaften waren somit auch Schicksals-, Glaubens- und Lebensgemeinschaften, wurden bestimmt durch ein ausgeprägtes Wir-Gefühl, eine starke Identität und strenge Abschottungsmechanismen. Genau genommen war so eine mittelalterliche Handwerkerzunft schon eine "Verschwörergemeinschaft".

Die Feinsten jedoch waren jene, die die großen Kirchen bauten. Wie keine andere Handwerkergemeinschaft oder Zunft umgab sie eine Aura von geheimen Wissen und göttlicher Berufung. Und tatsächlich waren ihre Bauwerke aufsehenerregend, einschüchternd und noch nie dagewesen. Das Zentrum ihres wunderbaren Wirkens war die Bauhütte, auf Englisch "lodge", das dann zu "Loge" eingedeutscht wurde. Am Anfang war einfach nur die Werkstatt und Architekturbüro, in dem Pläne gewalzt, Modelle angefertigt und Steine behauen wurden. Später stand der Name "Bauhütte" auch für die (Berufs-)Organisation dieser Handwerker. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts gab es an den standorten der prominentesten europäischen Dombauten bereits vier Hauptbauhütten: Wien, Köln, Straßburg und Bern. 1275 wurde die Bauhütte des Straßburger Doms als die oberste anerkannt. Nebenher war die Bauhütte eines Doms die feinste Adresse am Ort. Schon bald befiel so manchen Nichthandwerker die Sehnsucht, ein "Maurer" zu werden. 1276 wurde der deutsche Monarch Rudolf von Habsburg weltlicher Bruder der bauhütte des Wiener Staphansdoms. So bahnte sich das an, was manche die "Unterwanderung" der Maurerorganisationen durch Nichtmaurer nennen.

Wann übrigens genau aus Mönchsbruderschaften und Bauhütten die "Freimaurer" hervorgingen, ist nicht ganz geklärt. Fest scheint zu stehen, dass wegen des enormen Personalbedarfs der Dombauten die Mönchsbruderschaften schon bald nicht mehr ausreichten und vermehrt "Laien" zum Bau der Gotteshäuser angeheuert wurden. Diese Laien verfügten im vergleich zu den anderen Bürgern über gewisse Privilegien, zum Beispiel Reisefreiheit sogar in kriegerischen Zeiten.
Womöglich rührt der Begriff "Freimaurer" von dieser relativen Freiheit her, die die Mitglieder dieses Berufsstandes genossen. Vielleicht spielte auch eine Rolle,dass die Freimaurer (freestone-masons) dem freistehenden, schon vorgehauenen Stein seine endgültige, künstlerische Form verliehen, während die "roughstone-masons" (Rohsteinmaurer) den Stein nur grob formten.
Die Zusammenarbeit mit anderen Brüdern aus aller Herren Länder förderte jedenfalls den Gdanken von Toleranz und Gleichberechtigung. Nicht welches Land, nicht welche Hautfarbe und nicht welche baustelle war entscheidend, sondern einzig und allein, ob der andere ein "Bruder" - also ein Freimaurer - war oder nicht. Ihre Heimat waren nicht die Städte und Länder sondern die Buahütten: die Lodges. Ihre Privilegien konnten die Freimaurer nur schützen, wenn sie über ihre Berufsgeheimnisse Stillschweigen bewahrten. Da es damals noch keine Mitgliedsausweise gab, erfanden und übernahmen die Freimaurer allerlei Erkennungszeichen.

Spätestens im 16.Jahrhundert schlitterten die mächtigen Bauhütten in eine Krise. Der Kathedralen-Kreuzzug ebbte ab, eine ganze Reihe von Dombauten wurden fürs erste abgeschlossen.

Letzte Aktualisierung: 25.11.2011
zurück zum Menü