Karl Christian Friedrich Krause

Karl Christian Friedrich Krause | Text an die Freimaurerloge

Ausschnitt aus einem Text an die Freimaurer Loge
Das Original befindet sich in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar, Abt. II Nr. 4233 Das Gespräch der letzten Versammlung veranlasst mich meinen Brüdern folgende Sätze über das Verhältnis der Vaterlandliebe und des Patriotismus zur Freimaurerei und zur Freimaurerbrüderschaft
Übersetzung des Originals
Den 22. Februar in der Erholung bei der Loge zum Goldenen Apfel verlesen. ( Die Brüder billigten den Gehalt und Wünschten, dass ich diese Sätze nochmals vortragen sollte.) Sätze über das Verhältnis der Vaterlandsliebe und des Patriotismus. Zur Freimaurerei und zur Freimaurerbrüderschaft von Karl Christian Friedrich Krause (Zur geselligen Prüfung vorzulegen)

  1. Liebe ist das Gefühl des Wohlgefallens zu dem geliebte Wesen, insofern es in einer Art gut und schön ist, mit der Neigung mit ihr sich zu vereinigen und ihm wohl zutun. Wahre liebe ist eigennützig, nicht blind, das was am geliebten Wesen unvollkommen ist, macht nicht gleichgültig, und unemfänglich gegen die Liebenswürdigkeit anderer Wesen, am wenigsten gegen diese ungerecht. Liebe lässt sich nicht gebieten, ist also keine Pflicht, aber es ist Pflicht das Liebenwürdige zu suchen und kennen zu lernen.
  2. Vaterlandsliebe, wohl eigentlich Vatervolkliebe ist das Gefühl und Wohlgefallens an der Güte und Schönheit seines Vatervolkes mit dem Streben sich mit ihm zu vereinigen und wohl zutun. Unabhängig davon, ob das Vatervolk mir wohl oder weh tut, ohne gegen das am Vatervolk unmenschlich und schlecht, blind zu sein, ohne deshalb andere gute und schöne Völker weniger zu lieben, ohne gegen ein anderes Volk in Urteil und Tat ungerecht zu sein. Dem Vatervolk wohl tun: heißt, es zu Selbstkenntnis bringen; es befördern, dass dasselbe immer fortschreite zu Gutem und Schönem, ist wie: irgend einem oder mehreren seiner Bürger wohl tun. Mein Vatervolk ist, als dessen Mitglied ich geboren, oder dessen Mitglied ich geworden bin. Mein Vatervolk zu lieben, ist nicht Pflicht, aber zu unserer Ehre, was Lebenswürdige an sich habe, und, was man ihm schuldig sei, das ist Pflicht.
  3. Das Verhältnis des Mitgliedes gegen sein Vatervolk begründet bestimmte Pflichten und Rechte, welche wechselseitig sind, nicht weniger als bestimmte Worte und Pflichten daraus hervorgehen, dass man Mitglied einer Familie ist, dass das Vatervolk pflichtwidrig gegen mich gehandelt, entbindet mich meiner Pflicht.
  4. Patriotismus ist der freie Wille, seine Pflichten gegen sein Vatervolk zu erfüllen; aus einem Pflichtgefühl; nicht weil man dasselbe leibt.
  5. Kosmopolitismus ist der freie Wille, seine Pflichten gegen die ganze Menschheit zu erfüllen, aus seinem Pflichtgefühl, nicht weil man die Menschheit liebt.
  6. Patriotismus und Kosmopolitismus sind ohne einander nicht, möglich sondern finden sich immer zugleich.
  7. Freimaurer ist Leben im Geiste der Menschheit, oder Leben aller Menschen, als Menschen, zur Menschheit und die Freimaurerbrüderschaft ist ein geselliger erein, das allgemein Menschliche in sich selbst und an der ganzen Menschheit zu bilden. Nur hierauf kann sich daher die ganze Logentätigkeit beziehen, nur das kann das Ritual und die Liturgie aussprechen, Daher ist Komopolitismus im Bruderbunde wesentlich.
  8. So löblich und schön es ist, sein Vatervolk zu lieben und Patriot zu sein; so gut jene Leibe und diese Tugend der Freimaurerbrüderschaft nicht an. Sie vereinigt ihre Brüder nicht als Deutsche, Franzosen, Engländer und so weiter, sondern als Menschen, daher geht ihr auch Deutschheit, Franzheit, Engländisch nichts an, sondern nur Menschheit. Und die Freimaurer sollen, als solche, nicht zur Deutschheit, Franzheit, Engländischheit u.s.w. ermahnt oder davon abgemahnt werden, sondern einzig ermahnt zur Menschlichkeit, und abgemahnt von der Unmenschlichkeit. Da nun in der Loge die Freimaurer als Freimaurer beisammen sind, so gehört Deutschheit, Franzheit u.s.w. nicht in die Loge, am wenigsten in das Ritual und in die Liturgie. Noch weniger ziemt es er Brüderschaft etwas, wie es auch heiße, für Deutschheit, Franzheit u.s.w. zu tun, weil es Deutschheit u.s.w. ist; aber alles, was möglich ist für die Menschheit.
  9. Aber das Allgemeinmenschliche am Vatervolk gehört der Freimaurerei und der Freimaurerbrüderschaft; dies an ihm zu ehren, das Vatervolk in allgemeinmenschlichen Bestrebungen zu unterstützen, Menschlichkeit im Vatervolk zu verbreiten und zu beleben: das ist ein Teil ihres Berufes.
  10. Aber die Freimaurerei hindert durch ihren Kosmopolitismus nicht, dass der Bruder, als Mitglied seines Volkes, ihm seine Pflicht erfülle; im Gegenteil macht sie ihn dazu innerlich fähig und bereit. Daß dieser Anschlag, etwas zu lang geworden, deshalb bittet um Nachsicht den 14. Februar 1809
Letzte Aktualisierung: 10.09.2008
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