Karl Christian Friedrich Krause | Humboldt und Krause in Lateinamerika
Zur Aneignung und Verwandlung der Ideen Humboldts und Krause in Lateinamerika - Gemeinsamkeiten und Unterschiede
von Heinz Krumpel
Neben Alexander von Humboldt ist es vor allem der in Deutschland größtenteils unbekannt gebliebene Philosoph Karl Christian Friedrich Krause (1781-1832), dessen Ideen im lateinamerikanischen Kultur-raum wesentliche Bedeutung zukommen. Obwohl Krause im Unterschied zu Humboldt erst Anfang der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den Ländern Lateinamerikas bekannt wird, zeigt ein Vergleich der Lektüre von beiden, dass das darin enthaltene Aufklärungspotential mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede enthält. Wenn Humboldts amerikanische Forschungsreise z.B. in Mexiko verstärkt zur Aufnahme und Wirkung der Aufklärung aus dem deutsch-sprachigen Kulturraum anregte, so standen die Ideen Krauses dem nicht nach. Hegel, der die Auffassungen Krauses in das Museum philosophischer Irrmei-nungen verbannte, irrte sich gründlich, denn sie trugen dazu bei, sein eigenes Denken sowie das von Kant, Fichte und Schelling in breiteren intellektuellen Kreisen Lateinamerikas bekanntzumachen.
Im Unterschied zu Humboldt, der schon zu Lebzeiten als zweiter Wiederentdecker Amerikas (Bolívar) gefeiert wurde, ist es ein erstaunliches Phänomen, dass der Kant-Schüler Krause zum Ahnherrn einer in Spanien wie auch in Lateinamerika weitgreifenden Neuerungs- und Reformbewegung werden konnte, die sich unter dem Namen Krausismo Geltung verschaffte. Beiden gemein ist, dass sich ihre Ideen praktisch manifestierten. So wurde Humboldts Essay über Neuspanien als Geburtsurkunde der mexikanischen Nation bezeichnet und zur Neuordnung des Landes herangezogen, und Krauses Ideen erhalten unter Hipólito Yrigoyen ihre politische Manifestation in der argentinischen Verfassung. Jedoch könnte das Persönlichkeitsprofil von Humboldt und Krause nicht unterschiedlicher sein. Auf der einen Seite steht der finanziell unabhängige ledige preußische Baron und auf der anderen Seite der als Vater von 14 Kindern in ständigen finanziellen Nöten lebende Krause. Auch Humboldts romantische Betrachtungsweisen im Rahmen der komplexen Einheit von Natur und Mensch unterscheiden sich von denen Krauses. Die durchgängige romantische Naturbetrachtung, die wir bei Humboldt finden, tritt bei Krause im Rahmen seines philosophischen Systems zurück, doch an verschiedenen Stellen seiner Arbeit werden bei ihm romantische Betrachtungen zum Naturverständnis sichtbar. So z.B. wenn er betont, dass die Natur keine bloße Sache ist, sondern jedes Naturgebilde einschließlich der Tiere und Pflanzen geachtet werden muss und einen eigenen Wert besitzt. Vernunftzweck und Mittel müssen zugleich der Würde der Natur gemäß sein. Erschwerend für die Verständlichkeit Krauses war, dass er seine philosophischen Gedanken in einer Symbolsprache verschlüsselte. Erst durch seine Schüler Heinrich Ahrens (1808-1874), Karl Röder (1806-1879) und Hermann Karl von Leonhardi (1809-1875) konnten sie dem Leser zugänglich gemacht werden.
Im Unterschied zu Krause ist Humboldt kein Anhänger eines philosophischen Systems. Als universaler Mensch ist er bemüht, den Kosmos, die lebendige Totalität, gedanklich zu durchdringen. In diesem Prozess geistiger Verarbeitung reflektieren sich bei ihm die Grundprinzipien der Aufklärung von der Frühromantik über Kant, Schelling bis Hegel. Mit dem philosophischen Kritizismus Kants ist er durch seinen Bruder Wilhelm vertraut, ohne sich darauf festzulegen. Krause dagegen geht mit voller Überzeugung von dem transzendentalen Idealismus Kants aus und entwickelt im Rahmen seiner panentheistisch begründeten Systemphilosophie sein aufklärerisches Denken. Dazu kommt, dass Krause im Unterschied zu Humboldt nie in Lateinamerika war. Erst durch die 1860 in Madrid erschienene spanische Übersetzung seines Werkes von Sanz del Río "Ideal de la Humanidad" (Urbild der Menschheit) und die Vermittlung seiner Ideen über die Belgische Schule (Ahrens, Tiberghien) gewann der Krausismo zuerst im Gebiet des Río de la Plata und dann weiterführend in Brasilien, Ekuador, Peru, Kolumbien und Mexiko an Bedeutung.
Auf die Frage, wieviel Krause im Krausismo enthalten ist, lässt sich nach neueren Forschungen eine ziemlich klare Antwort geben. So haben Untersuchungen von Ureña ergeben, dass Sanz del Río Krauses Werk nicht frei, wie ursprünglich angenommen, sondern wörtlich in die spanische Sprache übersetzt hat. Auch die Veröffentlichungen von Guillaume Tiberghien (1819-1901) und Ahrens sind authentischer Ausdruck des Denkens von Krause. Unter den zahlreichen Schriften Krauses waren es vor allem seine Arbeiten "Urbild der Menschheit" (1811) und der "Abriß des Systems der Philosophie des Rechts oder Naturrechts" (1828), die im lateinamerikanischen Kulturraum bekannt wurden.
Betrachtet man die lateinamerikanische Rezeption Humboldts und Krauses näher, so zeigt sich, dass diese durch verschiedene philosophische Strömungen geprägt werden. In den folgenden Ausführungen soll vor allem auf die Strömungen der Romantik und des Positivismus im 19. Jahrhundert und die des befreiungsphilosophischen Denkens im 20. Jahrhundert eingegangen werden. Ihre historische Wirksamkeit im lateinamerikanischen Kulturraum wird verständlich, wenn man den Problemkreis des Vergleichs, der Identität und Wechselwirkung zwischen dem philosophischen Denken Lateinamerikas mit in die Betrachtungen einbezieht.
Da hierzu Untersuchungen vorliegen, werden in den Darlegungen nur solche Aspekte skizziert, die den verschiedenen Humboldt- und Krause-Rezeptionen im 19. und 20. Jahrhundert ihr unverwechselbares Gepräge geben. Um dies zu verdeutlichen, sollen die folgenden Ausführungen in drei Schritte unterteilt werden.
Erstens kommt es darauf an zu zeigen, in welcher Weise die Philosophie der Romantik die Aneignung und Verwandlungsprozesse bestimmte. Zweitens wird gefragt, welche Bedeutung dem Positivismus zukommt und drittens soll auf die Humboldt-Rezeption im Kontext des befreiungsphilosophischen Diskurses eingegangen werden.