Karl Christian Friedrich Krause | Krause und Kant
Das Kapitel "Kant und Krause" widmet sich Fragen zur Erkenntnistheorie und Metaphysik. Um uns der Thematik anzunähern, wird folgende Gliederung zugrunde gelegt. Zunächst wird Kants Erkenntnis-theorie und Metaphysik kurz vorgestellt (1), dann Krauses Vorstellungen zu dieser Thematik erörtert (2), bevor beide Denkansätze miteinander verglichen werden (3). Krause kannte Kant und dessen Schriften. Seine Auseinandersetzung mit dessen Philosophie, wie er sie in den "Vorlesungen über die Grundwahr-heiten der Wissenschaft" ausführt, belegt, daß Krause nicht über Kant hinweg philosophiert, sondern sogar eine Kritik des Kantischen Systems gibt. Neben seinem Studium in Jena, wo Krause Fichtes und Schellings Vorlesungen besuchte, beschäftigte er sich mit Kants Moralphilosophie und Rechtsphilosophie. In der Nachfolge von Kant einerseits und von seiner eigenen philosophischen Grundlegung andererseits ausgehend, entwickelte Krause eine eigenständige Moral- und Rechtsphilosophie, in der der Kantische Einfluß unübersehbar ist. Während die Moral- und Rechtsphilosophie als Weiterführung Kantischen Denkens zu lesen sind, geht Krause mit seiner Erkenntnistheorie und Metaphysik andere Wege. (1) Kant. Kant gilt nicht nur als der Kronzeuge kritischen Denkens, sondern seine Philosophie markiert auch einen Wendepunkt im abendländischen Denken. Mit seinen drei "Kritiken" stellt er sich gegen jede Vereinseitigung philosophischen Denkens und sucht nach einer Neubegründung der Philosophie überhaupt. Diese fragt nach den transzendentalen Bedingungen, wie Erkenntnis möglich ist, und welche Grenzen die Erkenntnisvermögen haben. Neben der "Kritik der praktischen Vernunft", in der Kant seine Sittenlehre vorstellt und neben der "Kritik der Urteilskraft", wo er die Stellung der Urteilskraft als Vermittlungsinstanz zwischen theoretischer und praktischer Philosophie untersucht, legt er in der "Kritik der reinen Vernunft" das Fundament zu seiner kritischen Transzendentalphilosophie. Die Frage, die der Auseinandersetzung über die Erkenntnis und ihrer Kritik zugrunde liegt, ist: Wie sind synthetische Urteile a priori möglich? Kant distanziert sich mit seiner "Kritik" nicht nur vom Rationalismus und idealistischen Realismus platonisch-christlicher Prägung, sondern auch vom Empirismus. Neben den Wahrnehmungsurteilen geht es ihm speziell um die Erfahrungsurteile und um die Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis. Wahrnehmungsurteile sind subjektiv, Erfahrungsurteile dagegen allgemein. Kant sucht nicht danach, wie Wahrnehmungsurteile möglich sind. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Frage, warum Erfahrungsurteile allgemein gültig sein können? Sinnliche Wahrnehmung und Verstand, wobei letzterer die Vielheit der Erfahrungen unter eine Kategorie, d.h. unter eine apriorische Form bringt, sind die zwei Stämme, die Erkenntnis ermöglichen. Die sinnliche Erfahrung benötigt eine Struktur, die sie ordnet. Der denkende Verstand bedarf einer Anschauung, weil sie ihm das Material liefert, das er benötigt, um allgemein gültige Aussagen über die sinnliche Wirklichkeit - per Urteil - zu fällen. "Ohne Sinnlichkeit würde uns kein Gegenstand gegeben und ohne Verstand keiner gedacht werden. Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriff sind blind." Der Spontaneität des Verstandes, der Regeln vorschreibt, ist es zu verdanken, das anschaulich Gegebene zu begreifen. Nicht die Natur schreibt dem Verstand die Regel vor, es ist der Verstand, der die Natur konstituiert, denn seine Kategorien geben "der Natur gleichsam das Gesetz". Bevor der Verstand der Natur das Gesetz gibt, bedarf es einer genauen Analyse desjenigen Vermögens, das die Einheit der Erkenntnisse ermöglicht. Die Suche nach dem Prinzip aller Mannigfaltigkeit nimmt Kant in der "transzendentalen Deduktion" vor. Den Ursprung oder das Prinzip aller Einheitsstiftung sieht er im "transzendentalen Selbstbewußtsein", das den Kategorien voraus liegt bzw. ihre Einheit erst ermöglicht. Während Wahrnehmungsurteile rezeptiv und vom Gegenstand des Wahrgenommenen abhängen, ist das Vermögen, die Einheit zu stiften, kein Akt des Objektes, sondern einer des Subjektes. Die Quelle aller Synthesis liegt sowohl vor der empirischen als auch vor der kategorialen Erkenntnis. Anders gesagt: Die Quelle der Einheit ist keine Kategorie, es ist das Selbstbewußtsein. Diese höchste Einheit, d.h. die "transzendentale Apperzeption" ist die Bedingung aller möglichen Erkenntnisse, denn "das: Ich denke, muß alle meine Vorstellungen begleiten können; denn sonst würde etwas in mir vorgestellt werden, was gar nicht gedacht werden könnte, welches eben so viel heißt als: die Vorstellung würde entweder unmöglich, oder wenigstens für mich nichts sein." Die ursprünglich-synthetische Einheit - das transzendentale Ich - ist die objektive Bedingung aller Erkenntnis. Anders formuliert: Sie ist die objektive Einheit, aber kein persönliches Ich-Bewußtsein, sondern eine übergeordnete Einheit, die einerseits unbegründet ist, andererseits für alle Ich-Erkenntnis gültig sein soll. Dieses "Ich denke" wird, wie Kant betont, nicht erkannt, sondern gedacht. Im Anschluß an die "transzendentale Deduktion" geht es Kant in der "Analytik der Grundsätze" um die Stellung der Urteilskraft. In der Möglichkeit unter Regeln zu subsumieren, sieht er die eigentliche Leistung dieses Vermögens. Das sich daran anschließende Schematismuskapitel beschäftigt sich mit der richtigen Verwendung der Urteilskraft, in der Kant nach der bestimmenden Anwendung von Begriffen sucht. Das Schema vermittelt zwischen Anschauungen und Begriffen und erweist sich als begriffliche Anschauung oder als anschaulicher Begriff. In der "transzendentalen Dialektik" hingegen geht es ihm um die Kritik der traditionellen Metaphysik, die er als "Schein" entlarvt. Zwar hält Kant mit dem "Ich denke" am Einheitsprinzip fest, kritisiert aber jede Substanzontologie, die im Sinne der Metaphysik platonischer Provenienz von einer objektiven "an sich Erkenntnis" der Dinge ausgeht. Im Rahmen der transzendentalen Kritik weist er nicht nur nach, welche Funktion der Verstand als Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis, sondern welche Grenze die Verstandeserkenntnis hat. Der Verstand, so Kant, ist auf die sinnliche Wirklichkeit angewiesen, die Vernunft dagegen sucht nach der Gesamtheit von Erkenntnissen. Während die Verstandeserkenntnis die sinnliche Welt als konstitutives Relat benötigt, ist die Vernunfterkenntnis keine konstitutive, sondern ein regulatives Ideal. Der Vernunft ist es möglich, das Unbedingte zu denken, dennoch ist es ihr unmöglich, dieses zu erkennen. Die Ideen der Vernunft sind "etwas, worunter alle Erfahrung gehört, welches selbst aber niemals Gegenstand der Erfahrung sein kann". Kant verabschiedet sich damit von der rationalen Metaphysik, die die reinen Ideen als Konstitutiva des Denkens begreift und setzt statt ihrer die Vernunftidee als Regulativ. Über Ideen ist theoretisch überhaupt nichts auszumachen, weil zur Erkenntnis Erfahrung gehört. Sie übersteigen jede nur mögliche Form von Erkenntnis und erlangen nur als heuristische Bestimmungen praktischer Vernunft an Bedeutung. Kant leugnet nicht, daß es Ideen gibt, er begreift aber die Ideen "Gott", "Freiheit" und "Unsterblichkeit" nicht zur theoretischen Vernunft gehörend, sondern ordnet sie als Postulate der praktischen Vernunft zu. Anstelle einer traditionellen Metaphysik setzt er die Metaphysik der Freiheit. (2) Krause. Krause geht mit seinem Projekt einer Transzendentalphilosophie von Fichte und dessen Konzept einer "Grundlegung der gesamten Wissenschaftslehre" aus. Die geschichtliche Entwicklung der Wissenschaftslehre Fichtes am Ende des 18. Jahrhunderts kannte Krause gut. Er war aber nicht nur mit Fichte vertraut, sondern der Tradition der Ich-Philosophie, die auf Descartes "Ich denke, also bin ich" zurückgeht, verpflichtet. Wie Descartes und Fichte stellt sich Krause die Frage nach einem Prinzip aller Philosophie, d.h. er sucht nach der Basis, die es erlaubt, eine Philosophie vom Ich zu begründen oder diese zu ergründen. Bei der Suche nach dem Ausgangspunkt subjektiver Philosophie distanziert sich Krause aber sowohl von seinem Lehrer Fichte als auch von Descartes. Setzt Fichte die Bestimmung des Ich in ein dialektisches Verhältnis und begreift diese Selbstbestimmung als tätiges Sich-Setzen, so versteht Krause das Prinzip aller Bestimmbarkeit als ein rein unmittelbares Ich. Diesem Ich kommt kein "Ich denke" zu, das den ontologischen Status des Ich begründet, denn das Ich ist ohne ein es erläuterndes Prädikat. Über Descartes und Fichte hinausgehend sucht Krause nach einer Bestimmung des Ich aus der sich - oder über die sich - erst weitere prädikative Zuschreibungen ableiten lassen. Das Ich, das Krause als ursprüngliche Einheit jeder Ich-Erkenntnis und Gegenstandserkenntnis begreift, ist nicht durch eine Reflexion erkennbar, sondern nur durch einen unmittelbaren Vollzug. Wie Fichte begreift Krause diese Erkenntnis als Akt intellektueller Anschauung, von dem jede Differenzerkenntnis ausgeschlossen ist. Im Unterschied zum frühen Fichte versteht Krause dieses Ich aber nicht als Prinzip der Philosophie, sondern als Ausgang aller Ich-Bestimmungen. Die Philosophie vom Ich - besser die Analyse subjektiver Ich-Bestimmungen - begreift er im Anschluß an Fichte als "Wissenschaftslehre". Diese hat nicht nur zu ergründen, was das Ich ist, sie ist vielmehr eine Prinzipienwissenschaft vom Ich. In der unmittelbaren Ich-Erkenntnis wird, so Krause, nichts erkannt, sie ist die Voraussetzung zu allen möglichen Ich-Erkenntnissen. Wird die Unmittelbarkeit der Ich-Erkenntnis aufgehoben, kommt es zur Erkenntnis, was es "an sich" und was es "in sich" ist. Die Unterscheidung zwischen "an sich" und "in sich" Erkenntnis ist für Krauses Philosophie vom Ich von zentraler Bedeutung, weil er zwischen primären und sekundären Ich-Eigenschaften unterscheidet. Primäre Eigenschaften, Krause sagt Wesenheiten und meint Kategorien, sind für ihn Einheit, Selbheit, Ganzheit und Modalität. Sekundäre Eigenschaften sind beispielsweise Differenz und Harmonie. Im Rahmen seiner Erkenntnistheorie geht es Krause primär um die Freilegung aller möglichen Kategorien, die sich am und im Ich finden. Mit dem Versuch, eine komplette Liste von Kategorien (apriorische Erkenntnisbegriffe) vorzulegen, steht er in der Tradition von Aristoteles und Kant. Positiv bemerkt Krause zur Philosophiegeschichte, daß bereits Aristoteles, Kant und Fichte eine Kategorientafel vorlegen und die apriorischen Formen des Denkens und Erkennens erkannt haben. Kritisch vermerkt er, daß Aristoteles und Kant nur eine unvollständige Kategorientafel geben, die nicht ausreicht, um durch sie die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen zu begreifen. Wie Fichte in der "Grundlegung der gesamtem Wissenschaftslehre" unternimmt auch Krause den Versuch, alle Kategorien, die er als konstitutive Prinzipien der Erkenntnis begreift, aus dem Ich heraus abzuleiten. Nur so kommt man, so Krause, zur vollständigen Ableitung aller möglichen, d.h. auch notwendigen Kategorien. Im Unterschied zu Aristoteles, der seine zehn Kategorien auf dem Wege der Phänomenanalyse d.h. durch Abstraktion sinnlicher Erkenntnisse gewinnt und im Unterschied zu Kant, der sie mit Hilfe der Urteilstafel aus der metaphysischen Deduktion heraus ableitet, gelangt Krause durch eine detaillierte Analyse des Ich zu einer Kategorientafel, die in ihrer ausgefalteten Differenziertheit die Vorgänger weit übertrifft. Krause versteht diese Ableitung der Kategorien aus dem Ich heraus als eine transzendentale Phänomenologie. Anders gesagt: Er gewinnt sie durch die Beschreibung von Erkenntnissen, zu denen das Ich gelangt, wenn es beschreibt wie es zu diesen Erkenntnissen kommt und welche apriorischen Bestimmungen diesen zugrunde liegen. Von der unmittelbaren Gewißheit des Prinzips aller subjektiven Erkenntnisse und Erfahrungen ausgehend entwickelt Krause sein transzendentalphilosophisches Programm, denn hinter das Ich kann nicht zurückgegangen werden. Dies bedeutet für Krause nicht, daß man über das Prinzip subjektiver Gewißheit hinausgehen kann. Mit seiner spekulativen Metaphysik verfolgt er sein Projekt subjektiver Selbstüberschreitung, ohne das Subjekt als Fundament transzendentaler Erkenntnisse aufzuheben. Krause hält am Prinzip subjektiver Erkenntnis fest und fundiert das Ich als Grund von Erkenntnis, der es ermöglicht, überhaupt von Erfahrung und Wahrnehmung zu sprechen, denn alles das, was sinnlich erkannt wird, bedarf eines zugrunde liegenden Prinzips, das die Einheit mannigfaltiger Erfahrungen ermöglicht. Das Prinzip Ich als Einheitsgrund aller Erfahrungen steht aber, so Krause, in einem universal-kosmologischen Gesamtgefüge. Nicht nur jedes Ich begreift sich als Einheitsgrund seiner Erfahrungen, es sucht vielmehr nach einem allgemeinen Prinzip, das diese Erfahrungen ermöglicht. Das Prinzip aller Erkenntnisse ist, wie Krause im Anschluß an die rational-idealistische Philosophie hervorhebt, nicht das Einzelich, sondern das Absolute, das für die Einheit aller Erkenntnis steht. Mit dem Rückgriff auf ein Absolutes geht Krause über Kant hinaus, der eine Erkenntnismetaphysik mit dem Argument ablehnt, daß zu jeder Erkenntnis sinnliche Wahrnehmung gehört. Für Krause schließen sich Ich-Erkenntnis und das ihr zugrunde liegende Prinzip subjektiver Erkenntnis einerseits und die Annahme von einem erkenntnisbegründenten Allgemeinen oder Absoluten andererseits nicht aus. Vielmehr sind sie zwei unterschiedliche Konzeptionen, die aufeinander verweisen. Die subjektive Erkenntnis wird durch die Anerkennung des obersten Prinzips nicht aufgehoben, wie umgekehrt die Theorie vom Absoluten die subjektive Erkenntnis nicht aufhebt. Krause begreift die unterschiedlichen Arten von Erkenntnis einerseits als subjektive und andererseits als objektive. Das Ich, das im Erkenntnisurteil Anspruch auf universale Gültigkeit seiner Gedanken erhebt, muß sich in einem objektiven Erkenntnisakt davon überzeugen, daß das hypothetisch vorausgesetzte Wissen, das es von einer äußeren Wirklichkeit hat, nicht nur mit dieser übereinstimmt, sondern diese überhaupt erst ermöglicht. Die subjektiven Bestimmungen des Verstandes begreift Krause als Voraussetzungen, um überhaupt zur Erkenntnis zu gelangen. Diese reichen aber nicht aus, um das Prinzip der Erkenntnis zu erklären. Diese Erkenntnis des Prinzips verbindet Krause mit dem analytischen Aufstieg des Ich. Sie wird möglich, wenn das Ich nach dem absoluten Ursprung fragt. Mit Hilfe des Satzes vom Grund sucht das Ich nach einer Letztbegründung, die - als Prinzip aller Philosophie - unbegründet sein muß. Um zur Gewißheit zu gelangen, benötigt das Ich ein Erkenntnisprinzip, das nicht durch Reflexion zu erlangen ist. Auf dem Weg der Reflexion kommt man zwar zur Bestimmtheit des Denkens, aber nicht zur unmittelbaren Wahrnehmung des Wissens. Das Prinzip aller Erkenntnis findet Krause in der absoluten Erkenntnis, die er mit der Gotteserkenntnis gleichsetzt. Die Suche nach der absoluten Erkenntnisgewißheit endet, wenn das Ich in die Erkenntnis des Prinzips hineinspringt. Der Sprung in den Erkenntnisgrund hebt die Reflexivität des Wissens und Erkennens nicht auf, denn es bleibt das denkende Ich, das diesen Sprung vollzieht. Krause begreift diesen Akt als einen, der für kein "Mehr" an Wissen, sondern für die qualitative Erweiterung des Wissens steht. Der Akt der absoluten Erkenntnis läßt sich durch Erkenntnis vorbereiten, ist aber nicht aus der Erkenntnis heraus zu begreifen. Ihn bestimmt Krause als "Wesenschauung" und meint intellektuelle Anschauung. Analog zur Selbstanschauung des Ich als Prinzip aller Ich-Erkenntnisse ist die intellektuelle Anschauung Gottes als Prinzipienerkenntnis jedem Ich möglich, das diese vollzieht. "Daher kann, wenn das Princip anerkannt ist, keineswegs der Inhalt des analytischen Teils verworfen, berichtigt, widerlegt sein, sondern vielmehr im Lichte des Princips anerkannt [...]" werden. Krause geht es um absolute Erkenntnis, in die er auch die Naturerkenntnis mit einbezieht. Da der Gedanke einer äußeren Natur (Naturerkenntnis) nicht durch den Gedanken des Ich begründet wird, sondern nur mittels sinnlicher Erfahrung ins Ich-Bewußtsein gelangt, haben die allgemeinen Gedanken - wie die Naturerkenntnis - "einen Grund", der über ihnen liegt. Dieser Grund muß "ein Höheres seyn, als das Ich, weil der reine Gedanke des Ich diese Voraussetzungen selbst als solche nicht enthält, und weil sie das Ich überschreiten, obschon sie auch am Ich sich finden". Der analytische Aufstieg des Wissens und der Erkenntnis endet, wo sich das Ich aller - hypothetisch-vorausgesetzten - Gedanken bewußt wird und diesen Gültigkeit zuschreibt. Der analytische Teil geht in den synthetischen Teil der Philosophie über, den Krause als "Grundwissenschaft" oder Metaphysik versteht. Die "Grundwissenschaft" begreift Krause als Fundament aller Philosophie, deren subjektiver Teil die Ich-Erkenntnis ist. Wie Platon sucht Krause nach einer natürlichen Begründung wissenschaftlichen Denkens und findet diese in der "natürlichen Theologie". Zum absoluten Gedanken Gottes kommt der Mensch durch seine Vernunft. Bei der "natürlichen Theologie" handelt es sich, so Krause, um eine Wissenschaft, in deren Mitte ein Gottesbegriff steht, den man als unentfaltete Einheit verstehen kann. Von diesem indifferenten Gott unterscheidet Krause einen Begriff vom Absoluten, den er - ähnlich wie Hegel - als Einheit der Einheit und des Gegensatzes begreift. Unentfalteter und sich entfaltender Gott - Krause nennt sie Or- und Urwesen - stehen für eine indifferente Gesamterkenntnis und für ein sich entfaltendes kosmologisches Wissen. Wie Spinoza geht Krause von zwei höchsten Wesenheiten in Gott aus, die sich gemäß der Gliederung als Einheit der Einheit und Differenz in die Welt hinein entfalten. Am Ende des synthetischen Teils steht die endliche Wirklichkeit (Natur) und die Vielheit der geistigen Wesen (Vernunft). Im Menschen als Teil der universalen Welt sind die beiden Potenzen - Vernunft und Natur - zur Einheit verbunden. Als Bild Gottes stellt er die Ordnung des Absoluten als endliches Wesen dar. Durch sein Bildsein ist es ihm immer möglich, sich an der Idee des Absoluten auszurichten und diese als Ideal seinem Denken und Handeln voranzustellen. Die Orientierung am Absoluten als Ideal individueller Selbstbestimmung vollzieht sich, so Krause, in unterschiedlichen Wissenschaftsbereichen. Diese versteht er als "Regionalphilosophien" und zählt zu ihnen die Erkenntnistheorie, die Sittenlehre, die Religion, die Ästhetik u.a. In jeder von ihnen gibt es ein Höchstes, das entweder als der höchste Erkenntnisgrund oder als das Gute, als das Wahre und als das Schöne bezeichnet werden kann. Die Ausrichtung an diesen Idealen führt den Menschen zur Selbstvervollkommnung. Diese gelingt, wenn er sich des jeweiligen Ideales bewußt wird und dieses seiner Selbstbestimmung zugrunde legt. (3) Kant und Krause. Die Analyse der Philosophie Krauses zeigt, daß er im Rahmen seiner Erkenntnistheorie und Metaphysik über Kant hinausgeht und ein spekulatives System vorlegt, das in enger Beziehung zu Systemen steht, wie sie der absolute Idealismus deutscher Prägung entwickelte. Im Unterschied zu Kant, der die Ideen von "Gott", "Freiheit" und "Unsterblichkeit" nicht als Gegenstände der vernünftigen Erkenntnis begreift, geht Krause von der Ideenerkenntnis aus, die als allgemeines Prinzip jeder Erkenntnis oder regionalen Philosophie zugrunde liegt. Wie Kant in der "Kritik der reinen Vernunft", in der er "in analytischer, aufsteigender Betrachtung nicht die Begriffe und Objekte, sondern das Geistesvermögen, die innern Gründe der Erkenntnis zu erforschen" sucht, geht es bei Krause um das Fundament aller Ich-Philosophie. Die große Leistung Kants sieht Krause in dessen kritischer Transzendentalphilosophie und in seiner Philosophie praktischer Vernunft. Er kritisiert aber, daß Kant eine intellektuelle Anschauung als Prinzipiengewißheit ablehnt. Dagegen hebt er positiv hervor: Kant "[...] wollte vor allem dogmatischen Verfahren in Errichtung eines Gebäudes der Metaphysik zuerst die Möglichkeit einer philosophischen Erkenntnis dartun, und zwar abgesehen von allen Gegenständen der Erkenntnis, also bloß der Form nach, durch kritische Betrachtung der Quellen der Erkenntnis sowie ihres Ursprungs und Gebrauches." Kritisch bemerkt Krause, daß Kant die Wissenschaft nur auf die Erkenntnisvermögen reduziert und einen "allgemeingültigen Anfang der Wissenschaft" überhaupt nicht begründet. Des weiteren bemerkt er, daß die Methode der "Kritik der reinen Vernunft" zu Antinomien und zu Fehlschlüssen führt. Kant berücksichtigt zwar die Erkenntnisvermögen, spart aber eine Kritik an der sinnlichen Erkenntnis aus. "Er behauptet gleich beim Anfang der Untersuchung, daß alle unsere Kenntnis von der äußeren Erfahrung ausgehe, ohne diesen Satz zu erweisen." Neben Kants transzendentaler Ästhetik kritisiert Krause dessen Kategorientafel. Diese ist, wie er hervorhebt, unvollständig. Kants "Kritik der reinen Vernunft" fehlt nicht nur die metaphysische Tiefe, er kommt zu keinem System des Absoluten. Wie auch andere Kantinterpreten moniert Krause die Ableitung der Kategorien aus der "metaphysischen Deduktion". Verkürzt gesagt: Kant hat, so Krause, keine Kritik der reinen Vernunft, sondern eine Kritik des reinen Verstandes geschrieben. Im Unterschied zu Kant geht Krause davon aus, daß Gott erkennbar ist und eine "reine Wissenschaft" vom Prinzip möglich sei. Er hebt gegen Kant hervor, daß die Idee Gottes beweisbar ist. Krause distanziert sich ebenfalls von Kants Kritik an den traditionellen Gottesbeweisen. Nach Kant sind, so Krause, der ontologische, der kosmologische und der physikotheologische Beweis unmöglich, da sie alle - wenngleich auf unterschiedlichen Ebenen - über die Erfahrungserkenntnis hinausgehen. Krause hält dagegen fest, daß es überhaupt keiner Gottesbeweise bedarf, um das Absolute zu erkennen. Es ist, "des Inhaltes wegen, kein Beweis nötig", da die Gotteserkenntnis "an sich selbst gewiß" ist. Um Gott zu erkennen, so Krause, benötigt man keinen ontologischen Gottesbeweis, denn die unmittelbare intellektuelle Anschauung ist der Garant dafür, daß Gott existiert. Ein Rekurs auf die praktische Philosophie, wie sie Kant mit der "Kritik der praktischen Vernunft" vorlegt, ist überflüssig. "Auf solche Weise leugnet nun Kant alle Erkenntnis der Ideen und alle Erkenntnis aus und durch Ideen. Doch gibt er ihre Gültigkeit auf dem Moralgebiete zu, ohne sie indes zu erweisen [...]". Krause kritisiert, daß sich Kant einerseits - mit seiner Kritik - von jeder Metaphysik verabschiedet, andererseits auf diese wieder zurückgreift, um sie als regulative Idee der praktischen Vernunft zugrunde zu legen. Abschließend läßt sich festhalten: Krause begreift sich als Überwinder des Kantischen Dualismus, wenn er analytisches und synthetisches Denken als zwei Zugangsweisen begreift, um die Wirklichkeit zu erklären. Er verbindet transzendentale Kritik und absolut-realistische Metaphysik miteinander.