Das Futtermännchen in Thiemendorf
Auf einem Bauerngut in Thiemendorf ging es in alter Zeit eigenartig zu. Wenn der Bauer am Morgen aufstand, war auf seinem Hofe und im Stalle alles in Ordnung. Jedes Gerät stand an seinem Platze, und im Stalle sah es blitzsauber aus. Die Tiere waren geputzt, und in den Krippen fand er oft noch Futterreste vor, als ob die Tiere in der Nacht gefüttert worden wären. Das Vieh wurde rund und fett und gedieh sehr gut, es gab viel Milch und brachte dem Bauer manchen harten Taler ein, so dass er sehr reich wurde. Der Bauer wunderte sich und merkte bald, dass es nicht mit rechten Dingen zuginge. Dahinter musste er kommen! Er versteckte sich nachts in seinem Stall und passte auf. Richtig, zu Mitternacht öffnete sich die Stalltür, und herein kam ein kleines Kerlchen mit einem großen Kopf, das im Arme ein Bündel Heu trug. Und nun sprang es hinaus und herein, bis es alle Tiere gefüttert, den Stall gesäubert und das Vieh blank geputzt hatte, worauf es verschwand.
Der Bauer hätte mit dem Männchen sehr zufrieden sein können, wenn eins nicht gewesen wäre. Die Knechte und Mägde hatten das Tun des geheimnisvollen Kerlchen auch verspürt und legten sich auf die faule Haut. Darüber wurde aber das Männchen böse und trieb mit ihnen allerlei Schabernack. Es zwackte und puffte sie und ließ ihnen keine Ruhe.
Darüber ärgerten sie sich und erzählten im Dorfe, auf dem Gute sei der Teufel, und es kam so weit, dass keine Knechte und Mägde dort bleiben wollten. Da gaben die Leute dem Bauern den Rat, er solle doch von seinem vielen Gelde ein neues Haus bauen, da würde er das Männchen ohne Schaden los. Dem Rate folgte er auch und baute an der Straßenseite ein neues Haus, und nun sollte an einem Tage der Umzug erfolgen. In der Nacht vorher aber sahen Leute das kleine Kerlchen an dem Brauhausteiche vor dem neuen Hause, wie es sein Röckchen wusch und dabei laut vor sich hin sagte:
„Ich wische und wasche mein Röcklein aus, denn morgen ziehn wir ins neue Haus.“
Und richtig, das Männchen trieb auch im neuen Hause nach wie vor sein Wesen. Ein Nachbar, der sich schon lange über den immer mehr zunehmenden Reichtum des Bauern geärgert hatte, gab ihm den Rat: „Du musst ihm ein neues Röcklein schenken.“ Der Bauer ließ ihm auch ein neues Röcklein schneidern, schön gestickt und mit blanken Knöpfen, und legte es des Abends in den Stall. In der Nacht entdeckte das Männlein das schöne neue Röcklein, es wurde traurig und klagte:
„Nun hab ich meinen Lohn und muss auf und davon.“
Fort war’s, und niemand hat erfahren, wohin es gegangen ist. Von der Zeit an war’s mit dem Glück und dem Wohlstand des Bauern vorbei. Sein Vieh gedieh nicht mehr, einzelne Stücke gingen ein, sein Reichtum ging immer mehr zurück, zuletzt musste er aus dem Gute heraus und ist als ein armer Mann gestorben.
ENDE