Der festgemachte Schafdieb
Vor hundert Jahren etwa hatte Bürgel noch eine Schafherde und einen Schäfer. Der Hirtenhaus steht heute noch am Bauhof, und der Hirtenteich am Nordgraben ist erst vor etwa dreißig Jahren zugeschüttet worden. Bis vor eben dieser Zeit hieß die Teichgasse nicht anders als Hirtengasse.
Zum großen Verdruss des alten Schäfers Hanfried trieb einmal im Frühjahr ein Schafdieb sein Unwesen. Zwei der schönsten Tiere waren kurz hintereinander spurlos verschwunden, sie konnten nur bei Nacht und Nebel gestohlen worden sein. Eines Sonntags geschlossen Hanfried und sein Hirtenjunge Jörg, abends zum Maitanz zu gehen. Sie trieben deshalb etwas früher als sonst die Herde in den Pferch. Die Hunde nahm Hanfried zur größten Verwunderung des Jörg mit heim. Unterwegs sprach plötzlich der Alte geheimnisvoll zum Jungen: „Heute Abend kommt er, ich spür’s. Und heute Abend wird’s sein Verderben, ich mach ihn fest!“. Abends auf dem Tanzboden sprach der Schäfer nochmals zu Jörg: „Mach kein Aufhebens, wenn ich gehe, bleib du nur hier, ich komme wieder!“ Jörg, der den Schäfer den ganzen Abend nicht aus den Augen ließ, bemerkte gegen elf Uhr, wie der Schäfer unruhig wurde. Plötzlich schüttelte er sich wie im Fieber, und der Schweiß brach ihm aus allen Poren. Kurz darauf verließ er unauffällig den Tanzboden. Als er in die Nähe seines Pferches kam, sah er schon von weitem rittlings und unbeweglich einen Menschen sitzen. Es war der Schafdieb. Der Schäfer ging nahe zu ihm hin, und zur Bekräftigung des Bannes, der auf dem Dieb lag, murmelte er mit erhobener Hand einen Spruch nach ihm hin. Darauf ging er und holte Hilfe. Der Dieb wurde festgenommen und seiner Strafe zugeführt.
ENDE