Der Försterschuss
Zwischen Saasa und Hainspitz liegt der Jägerberg, da steht eine große Buche, und vor dieser liegt ein Stein aus alter Zeit. Nicht weit davon ist früher eine Försterei gewesen, ganz für sich allein.
Da hat einmal ein alter Förster gewohnt, der hat die schwarze Kunst gekannt. Wenn der daheim zum Fenster hinaus geschossen hat und einen Hirsch hat schießen wollen, hat der Hirsch tot draußen im Walde gelegen; wenn er einen Rehbock hat haben wollen, hat der Rehbock draußen gelegen. Er hat ein einziges Kind gehabt, eine Tochter. Einmal hat er einen Jägerburschen angenommen, einen hübschen, flinken Kerl, und wie der eine Weile da war, wurde er mit der Tochter einig. Weil er aber ganz arm gewesen ist und das Mädchen reich, wollt’s der Alte nicht leiden. Da haben aber alle beide nicht voneinander lassen wollen, und da sprach endlich der Förster, wenn der Bursche lernen wollte, was er könnte, wolle er ihm die Tochter geben. Der Bursche war zu allem gewillt. Da gab nun der Förster die Bedingungen auf, die er erfüllen sollte.
Die erste Bedingung ist gewesen, dass er zum Abendmahle gehen und die Hostie, die ihm der Pfarrer geben würde, heimlich in die Hand nehmen und dem Förster in einem Papiere mitbringen sollte. Wie das besorgt war, gingen alle beide mit dem Gewehre hinaus in den Wald, hin auf die Stelle, wo jetzt der Stein liegt. Der Förster nagelte die Hostie an die Buche, stellten den Burschen ein Stückchen davon und sagte ihm, er sollte nach der Hostie schießen. Wenn er sie träfe, sollte er die Tochter kriegen und die Försterei dazu. Der legte an, setzte wieder ab, zitterte und wankte und sprach, er könne nicht schießen. Der Förster war ganz unwillig, lief mit ihm ein Stückchen weg, führte ihn wieder hin zur Buche und sprach, er solle sich doch ein Herz fassen und solle schießen.
Der Bursche legte wieder an, aber es passierte gerade wieder so, wie das erste Mal. Da wurde der Förster ganz außer sich, sprach, wenn er nun nicht schösse, würden sie alle beide unglücklich, versprach ihm die Tochter, die Försterei und sein Vermögen. Da drückte der Bursche die Augen zu und schoss und traf auch richtig die Hostie. Von Stund an hat er den Jägerschuss gekannt und alles andere, was der Förster gekannt hat. Der aber hat Wort gehalten und ihm die Tochter gegeben, auch die Försterei und Geld, soviel er nur gebraucht hat.
Viele Jahre sind darüber hingegangen, aber sie haben alle drei nicht glücklich und zufrieden miteinander gelebt. Einmal sind die beiden Jägersleute miteinander hinaus in den Wald gegangen und zufällig an die Stelle von der Buche gekommen. Der junge Förster kriegte einen Rehbock zu sehen, legte an und wollten den Bock schießen. Er hat ihn ganz genau aufs Korn genommen und sonst nie etwas verfehlt, wie er aber abdrückte, hat es die Kugel abgelenkt – und niemand weiß, wie – und der Alte lag tot neben ihm in seinem Blute. Der hatte sonst sogar die Kugeln mit der Hand aufgefangen, aber an der Buche hat ihn seine Kunst verlassen, die Kugel ist ihm mitten durchs Herz gegangen.
Den Toten haben sie an derselben Stelle begraben, und zum Andenken an die Geschichte wurde der große Stein dort aufgerichtet. Die Försterei ist bald danach abgebrannt und nicht wieder aufgebaut worden.
ENDE