Der Geigenbaum
Es ist viele, viele Jahre her. Ein Schafknecht auf der Steinschäferei bei Seifartsdorf sollte einen Mord begangen haben. Er hütete gerade die Schafe zwischen dem „Großen Steine“ und dem Wacholderberge. Da kam der Büttel mit seinen Knechten und wollte ihn abführen. Der Schafknecht aber sagte: „Ich bin’s nicht gewesen. So wahr ich hier stehe, ich bin unschuldig!“ Er stieß seinen Hirtenstab in die Erde und rief: „So gewiss der Stecken hier steht und ausschlägt, so gewiss bin ich unschuldig!“ Der Büttel aber hörte nicht darauf. Die Knechte banden ihm die Hände auf den Rücken und schafften ihn nach Caaschwitz in das Frongefängnis. Dort legte man ihn in Ketten und gab ihm nur Wasser und Brot. Er wurde verhört und gefoltert. Der Henker quälte ihn so lange, bis er gestand. Ein hochnotpeinliches Halsgericht verurteilte ihn zum Tode durch den Strang. Auf dem Galgenberge bei Caaschwitz wurde er gehängt.
Im nächsten Frühjahr aber grünte bei der Steinschäferei der Hirtenstab. Da wussten alle Leute, dass der Schafknecht unschuldig gewesen war. Aus dem Schäferstabe erwuchs ein stattlicher Baum. Er war breitästig und stand ganz allein am Feldraine beim Großen Steine. Es war ein Maßholder (Maßholler) oder Feldahorn. Viele Leute kannten diese Baumart nicht und nannten ihn den Geigenbaum, weil seine Äste tief zum Boden herabhängen wie die abgerissenen Saiten einer Geige. Die Kinder aus der Steinschäferei schaukelten gern an den langen Ästen, sie „geigten sich“. Als der Blitz einige Male in den Baum eingeschlagen hatte, verfiel er, er wurde hohl und dreiteilig. An seinem Fuße entstand ein struppiger Auswuchs. Bei Regenwetter krochen die Kinder in den hohlen Stamm. Um das Jahr 1900 sah man nur noch den morschen Baumstumpf mit einem dürren Aste. Jetzt steht an der Stelle ein großer Dornbusch. Nur die Erinnerung ist geblieben. Das Feldstück daneben heißt heute noch „Am Geigenbaume“ oder „Beim Maßholler“.
ENDE