Der Mohr im Stadtwappen
Über dem ältesten Brunnen der Stadt Eisenberg, der auf dem kleineren Teil des durch Rathaus und Kirche in zwei ungleich große Flächen geteilten Marktplatzes Tag und Nacht aus eisernen Röhren sein klares Wasser in ein weites Steinbecken herabsprudelt, erhebt sich, aus einem einzigen Stücke groben Sandsteins kunstvoll gearbeitet, ein Mohr mit einer Binde über den Augen und in der Hand ein Trinkgefäß haltend, aus dem an schönen Sommertagen ein Strahl hellen Wassers weit hinauf in die blaue Luft springt.
Seit dem Jahre 1727 steht das alte Steinbild hinter dem Rathause, Geschlecht um Geschlecht ist unterdessen zu den Toten gesunken; der steinerne Mohr aber hat treulich ausgehalten auf seinem Posten. Zwar hat sein dunkles Kleid durch Zeit und Wetter arg gelitten, aber seine groben Steinglieder sind noch kräftig kund dauerhaft, und jung und frisch, wie in alter Zeit, hält er sein seltsames Trinkgefäß empor und bläst komisch mühsam die steinernen Backen auf, um den hellen Wasserstrahl in die Lüfte zu schleudern.
So steht er Tag und Nacht, Sommer und Winter ernst und ehrenfest auf seinem Sockel und sieht den fröhlichen Kindern zu, die am Tage um ihn herum dieselben lustigen Kinderspiele spielen, die einstmals ihre Väter zu seinen Füßen gespielt haben. Wenn aber alles rings zur Ruhe gegangen ist und der Mond, der die alten Gebäude um ihn her gespensterhaft beleuchtet, auch ihn mit seinem milden Strahle vergoldet, so schläft und träumt er wohl auch oder hört dem leise plätschernden Brunnen zu, dessen Wasser ihm hübsche Geschichten geschwätzig erzählt.
Dem alten Mohrenbilde ist aber noch eine besondere Ehre geschehen. Sein Kopf mit der Binde über den Augen ist nebst drei stattlichen Türmen in das Stadtwappen und Ratssiegel übergegangen, der Mohr selbst aber das Wahrzeichen der Stadt geworden. Wie die Sage berichtet, h at sich das so zugetragen: Vor vielen hundert Jahren, als noch die Grafen von Eisenberg in dem alten Schlosse hausten, hatte sich einer dieser Grafen von einem Kreuzzuge nach dem Heiligen Lande nach der Sitte der damaligen Zeiten einen Mohren als Diener mitgebracht. Wegen ihrer Treue waren die Mohren hoch geschätzt. Lange Zeit hatte er nun auch dem Grafen treu und ehrlich gedient, als eines Tages dessen Gemahlin ihre kostbare, goldene Kette vermisste und trotz allen Suchens nicht wiederfinden konnte. Von den gräflichen Dienern war an dem Tage, an dem die Kette verloren ging, nur der Mohr um die Gräfin und in deren Zimmer gewesen. Auf diesen fiel daher sogleich der Verdacht, die verschwundene Kette entwendet zu haben. Auf der Stelle wurde er verhört, gefangen genommen und, obwohl er unter Tränen und Flehen seine Unschuld beteuerte, zum Tode verurteilt. Die Vollziehung des Urteils wurde noch auf denselben Nachmittag festgesetzt. Die Eile und Skrupellosigkeit bei der Verurteilung eines Dieners, der seine ehrliche Ergebenheit so vielfach bewiesen hatte, lassen trotz aller sonstigen Willkür der damaligen Rechtssprechung auch die Voreingenommenheit gegenüber dem Menschen anderer Hautfarbe erkennen.
Als die Stunde der Enthauptung des sonst treuen und ergebenen Dieners herannahte und viel Volk sich vor dem Palaste versammelte, um den armen Sünder sterben zu sehen, ward es der Gräfin ängstlich und schwer ums Herz. Sie zog sich allein in ihr Gemach zurück und suchte ihr klopfendes Herz zu beruhigen. Sollte ja doch um ihretwillen ein Menschenleben geopfert, ein sonst treuer Diener, dessen Schuld nicht einmal völlig erwiesen war, getötet, nein vielleicht sogar gemordet, durch sie gemordet werden. Die Beteuerungen es armen Mohren, das Flehen um Gnade tönte ihr schrecklich im Ohr, sie sah, wie sie ihn hinausführen auf den Richtplatz, sah, wie er noch einmal, ehe sie ihm die Augen verbanden, seine Unschuld versicherte und sie als seine Mörderin anklagte.
Da fiel ihr Auge auf das schwere Gebetbuch, das dort am Fenster auf dem kleinen kunstvoll geschnitzten Betschemel lag. Sie kniete nieder und löste hastig die schweren Goldspangen, die das Buch geschlossen hielten und jetzt mit scharfem Geräusch aufsprangen. a, wie sie einige Blätter umgeschlagen hatte, klirrte es plötzlich, und aus den Blättern heraus fiel ihr zu Füßen die verlorene Kette. Kein Zweifel: Als die an dem Tage, da sie die Kette vermisste, in dem Buche gelesen hatte, war diese leise durch eine hastige Bewegung aufgesprungen, hatte sich gelöst, war unbemerkt herabgeglitten, hinein in das alte Gebetbuch, und in dieses hatte sie die Kette eingeschlossen. Entsetzt fuhr sie empor. Der Mohr war also doch nicht ein Dieb, er war unschuldig, und unschuldig sollte er gerade jetzt sein Leben um ihretwillen hingeben. Der Lärm der neugierigen Menge war unterdessen verstummt, das tobende Volk hatte sich verlaufen. Vielleicht war es schon zu spät, das Unrecht gutzumachen, vielleicht lastete schon der untilgbare Flecken eines Mordes auf ihrer Seele! Rasch stürzte sie davon und entsandte die wenigen im Palast gebliebenen Diener nach dem Richtplatz, um womöglich noch durch ihre Botschaft den Armen zu retten. Eine hohe Summe versprach sie dem Boten, der noch zur rechten Zeit zur Richtplatz käme.
Lange, bange Minuten, eine schwere Viertelstunde stand sie dann am geöffneten Fenster und schaute, Aug’ und Ohr fieberhaft gespannt, hinaus, der Antwort harrend. Endlich nahten sich Tritte, ein Diener kam atemlos gestürzt, ein weißes Tuch in den Händen schwingend. Es war noch nicht zu spät gewesen; eben war dem Mohren das Tuch zum letzten Streiche umgebunden worden, eben hatte er niederknien sollen – da war der Bote gekommen und hatte über die in tiefem Schauer schweigende Menge sein mächtiges „Halt!“ hingerufen. So berichtete dieser keuchend, indem er hinzufügte, bald werde der Graf den Mohren zurückbringen.
Der Graf schenkte dem Mohren die Freiheit. Um aber seine grundlos geschändete Ehre wieder herzustellen, nahm der Graf den Kopf des Mohren mit der Binde über den Augen in sein Wappen auf, und von diesem ging er in das Siegel des Rates und in das Wappen der Stadt über. Zur ewigen Erinnerung an die berichtete Geschichte stellten später die braven Väter der Stadt dem armen Mohren über ihrem ältesten Brunnen ein steinern Standbild auf: das Wahrzeichen der Stadt Eisenberg.
Über die Entstehung des Eisenberger Wappens gibt es noch manche andere Sagen. Von ihnen sei hier nur noch die folgende mitgeteilt:
Als Markgraf Dietrich der Bedrängte sein Land verloren hatte, nahm er das Kreuz und wallfahrte nach Jerusalem zu dem Heiligen Grabe. Dahin war er wohl gut gelangt, aber wieder heim zu kommen, das war schwer, denn um ihn waren Feinde, und er wusste nicht, wie er ihren Augen entgehen sollte. Da endlich steckte ihn sein treuer Diener, ein Mohr, in ein Fass und schaffte dieses auf ein Schiff, bewachte auch das Gefäß mit dem edlen Weine, bis es glücklich in Italien gelandet war. Als danach der Markgraf sein Land wieder errungen hatte, lebten Herr und Diener in Eisenberg, das jener sehr liebte. Die Feinde des Markgrafen aber schmiedeten von neuem einen bösen Plan: Sie wollten ihn auf seinem Schlosse töten. Sie hatten auch den Mohren mit in die Verschwörung gezogen. Dieser aber gedachte der großen Not, die er um seinen Herrn und mit ihm schon früher ausgestanden hatte, und wie alle die Mühe vergeblich gewesen wäre, wenn jener von seinen Feinden jetzt getötet würde, und dabei fiel ihm die alte Liebe und Treue auch wieder ein. Da ging er zu seinem Herrn, entdeckte ihm den Verrat und rettete ihn.
Seit dem Tage führte der Markgraf den treuen Mohren, einen Turban um das Haupt geschlungen, in seinem Wappen. Später ließ er ihn in das Vogtei- oder Amtssiegel aufnehmen und gestattete auch der Stadt, dieses Ratssiegel zu führen. So sei der Mohr das Eisenberger Wahrzeichen geworden.
ENDE