Die Gespensterhochzeit im wüsten Dorfe Scortowe
Es hat einmal – doch das ist nun lange, lange zeit her – im Schortentale bei Eisenberg ein uraltes Wendendorf gestanden, dessen Name Scortowe war. Nun aber ist’s schon seit manchem Jahr eine Wüstung, und nicht mehr davon zu sehen. Früher ist es oft geschaut worden in geweihter Nacht zur rechten Stunde mitten im Schortentale auf grüner, stiller Waldwiese. Jetzt aber kann es niemand mehr erblicken, weil es erlöst ist von dem schweren Banne, nach dem es den Menschenkindern in Heiliger Nacht, in jedem zehnten Schaltjahre, sichtbar werden musste.
Da war vor manch liebem Jahr ein braves, armes Mädchen in Eisenberg, das mit ausgewanderten Potestanten aus Salzburg gekommen und bei mitleidigen Leuten dageblieben war. Eines Abends, als es schon dunkelte, wurde sie ausgeschickt, noch etwas Futter aus dem Schortentale zu holen und, da sie sich nicht fürchtete, machte sie sich rüstig auf und schritt furchtlos durch den abendstillen, rauschenden Wald, bis sie ungefährdet nach der Wiese im Schortentale kam, wo sie das nötige Futter zu holen pflegte. Doch anstatt der Wiese sah sie ein altes, ihr unbekanntes Dorf vor sich liegen, aus dessen kleinen altmodischen Häusern freundliches Licht herausschimmerte. Anfangs war zwar sie erschrocken und ängstigte sich sehr; doch bald fasste sie sich ein Herz, klopfte bescheiden an ein Fenster des ersten, hell erleuchteten Häuschens, fragte nach dem Wege und wo sie sei und bat, a sie recht hungrig und durstig war, um ein Stückchen Brot und einen Trunk Wasser. Ein alter Mann mit weißem Barte und in seltsamer Tracht öffnete die Tür und hieß das Mädchen eintreten. Ängstlich folgte sie dem Geheiß und trat in die niedrige Stube, in der eine fröhliche Hochzeitsgesellschaft versammelt zu sein schien. Bescheiden grüßte sie und wiederholte ihre Bitte, worauf der alte Mann sie freundlich aufforderte, sich zu setzen, und ihr in seltsam geformten Schüsseln und Bechern Speise und Trank reichte. Überhaupt war alles in der ganzen Stube wie aus alter, längst vergangener Zeit. Schüsseln und Geräte, Tisch und Stuhl, alles war so wunderlich fremd und unbekannt. Alle Gäste trugen so seltsame Gewänder, so altmodisch geschlitzte Kleidung. Die Braut war angetan wie eine Nonne mit langem, wallendem Schleier und ernster Klostertracht, der Bräutigam dagegen trug wie ein Rittersmann einen kostbaren gold- und silberbestickten Waffenrock und hatte einen langen, funkelnden Degen an der Seite und eine mächtige, goldene Ehrenketten auf der Brust.
Der alte Mann forschte das Mädchen teilnehmend über ihre Lage und Verhältnisse aus und, als er sich von ihrer Armut und ihrem guten, braven Herzen überzeugt hatte, sprach er lange mit dem Bräutigam in fremder, unbekannter Sprache. Darauf trat der Ritter sichtlich erfreut zu ihr und sagte: „Habe Dank, mein Kind, dass du gekommen bist; nun ist uns bald ewige Freude und Ruhe beschieden.“
Dann begann der Hochzeitstanz, sonderbar-wunderliche Musik zu seltsamen Tänzen, die das Mädchen niemals getanzt hatte. Nur bisweilen kam ein bekannter Tanz an die Reihe, den sie stets mit dem stattlichen Bräutigam tanzte, bis endlich ein merkwürdiger Tanz bekann voll der wunderlichsten Sprünge und Drehungen.
Da plötzlich, mitten im heiteren, ausgelassenen Drehen, ward es ruhig kund still. Zwölf Horntöne schallten geisterhaft dröhnend durch die Nacht, und dann verschwand alles mit einem Male: die fröhliche Gesellschaft, die lustigen Spielleute, die alten, sonderbaren Tische und Geräte, das ganze seltsame Dorf.
Wie das arme Mädchen sich bestürzt umsah, stand es wieder allein in dunkler Nacht auf der stillen Waldwiese und wusste nicht, wie ihm geschehen war. Schnell eilte sie nach Hause und fand in ihrem Korbe ein Barett, das, wie sie sich erinnerte, der stattliche Bräutigam getragen hatte. In dem Barette lagen mancherlei alte, schwere Gold- und Silbermünzen und ein zusammengerolltes, vergilbtes Pergamentblatt. Darauf stand in alter Mönchsschrift geschrieben:
„Der Ritter Siegbert von Hainsburg hat im Jahr 1400 das edle Fräulein Elsbethe von Kunitzburg als dem Nonnenkloster im Dorfe Scortowe trauen lassen und bis an sein seliges Ende ein fröhliches und glückliches Leben mit ihr geführt. Dies wurde ihnen aber nach ihrem Tode als schwere Sünde angerechnet, und sie mussten hundert Jahre voll Qual im Fegefeuer zubringen. Dann aber, nachdem das Kloster längst eingegangen und das Dorf Scortowe im Dreißigjährigen Kriege verwüstet worden war, mussten sie zur Strafe für ihre Sünde in jedem zehnten Schaltjahr am Tage des Vollmondes, wenn die Sonne im Zeichen des Krebses steht, in demselben Orte eine Scheinhochzeit halten, bis ein armes, aber tugendhaftes Mädchen drei Stunden vor Mitternacht hinzukommen und um etwas bitten würde. Viele Jahre und dreiunddreißig Schaltjahre sind seitdem vergangen, viele Leute haben das wüste Dorf gesehen, aber noch hat kein braves Mädchen sich ihm in geweihter Stunde zu nähern gewagt. Betet ein Ave Maria für unsere ruhelosen Seelen!“
So hatte das brave, mutige Mädchen das arme Par erlöst und ihm zur Grabesruhe verholfen. Der Segen dieser Tat aber blieb nicht aus, sondern zeigte sich ihr ganzes, glückliches Leben hindurch. Es war, als hätten die, durch sie zur langersehnten Ruhe eingegangenen Geister im Dorfe Scortowe stets dankbar über das Mädchen gewacht und es treulich behütet und bewahrt.
ENDE