Eisenberg / Thüringen

Die Jakobseiche zwischen Eisenberg und Klosterlausnitz

Von Eisenberg bis zum ehemaligen Klosterort Klosterlausnitz führt die Landstraße durch einen weit ausgedehnten Forst. Tiefste Waldesstille ringsum! Selten begegnet uns ein Wanderer. Von Zeit zu Zeit kommen Weiber und Kinder mit Körben auf dem Rücken, um dürres Reisig und Tannenzapfen im Forste zu sammeln.
Gut gewachsene Fichten und Kiefern, öfters auch Tannen, säumen die einsame Landstraße ein. Doch mitten zwischen Eisenberg und Klosterlausnitz steht hart an der Straße ein hoher Eichbaum ganz verlassen unter den vielen tausend Fichten, Kiefern und Tannen des Forstes. Das ist die uralte Jakobseiche. Ihre mächtigen und knorrigen Äste breitet sie wie schützend über die Landstraße aus. An dem starken und umfangreichen Stamme hat schon mancher Sturm gerüttelt, doch hat er trotz aller Wetterstürme sich wacker gehalten. Der Zahn der Zeit nagte freilich gewaltig an ihm und hat ihn völlig ausgehöhlt. Diese Höhlung ist so groß, dass sie mehrere Personen Obdach bieten kann. Landstromern und Wegelagerern bot die Jakobseiche nicht selten einen sicheren Schlupfwinkel. Vor etwa vierzig Jahren haben Frevler es versucht, diesen Baumriesen zu vernichten. Die Höhlung hatten sie mit dürrem Holz und Reisig gefüllt und diese dann angezündet. Zur rechten Zeit kam Rettung; ohne die wäre der sagenumklungene Baum sicherlich für immer vernichtet worden. Um eine Wiederholung dieses Frevels unmöglich zu machen, wurde die Höhlung des Stammes der Jakobseiche mit Steinen ausgemauert. So grünt der vielhundertjährige Eichbaum noch heute, und sein Blätterrauschen klingt noch seltsamer als einst. Unter seinen mächtigen und knorrigen Zweigen aber sitzt Frau Sage und erzählt dem Vorüberziehenden gar wundersame und gruselige Geschichten.

Den nächtlichen Wanderer äfft in der Nähe der Jakobseiche oft trügerischer Spuk. Um Mitternacht im Vollmondscheine sieht er an den Ästen des einsamen Eichbaumes weiße Wäsche flattern, die von den Geistern des Waldes zum Trocknen aufgehängt wird. Mancher ist da in Versuchung gekommen, ein Stück oder einige davon zu entwenden. Doch wehe dem, der das tut! Einst kam um Mitternacht ein armer Holzhauer mit seinem Schubkarren auf der Landstraße von Eisenberg daher und wollte nach Klosterlausnitz. Als er die weiße Wäsche sah und keinen Wächter gewahrte, nahm er sogleich davon einige der besten Stücke, steckte sie in einen Sack und fuhr dann weiter. Aber sonderbar, der Karren wurde immer schwerer und schwerer, je weiter er sich von der Jakobseiche entfernte. Zuletzt vermochte der Mann den Karren kaum noch von der Stelle zu bringen. Mit Mühe und Not erreichte er endlich Klosterlausnitz. Nun öffnete er den Sack, um die Wäsche herauszunehmen. In diesem Augenblick sprang ein geheimnisvolles Männchen heraus, das sich sofort auf der Bank inter dem Ofen niederließ. Stundenlang hockte es auf der Ofenbank im tiefsten Schweigen. Es wurde Tag und wieder Nacht; noch immer saß das Männchen da. Es wollte nicht wieder fort. Niemand im Dorfe vermochte das Gespenst zu verscheuchen, selbst der Pfarrer nicht mit seinen heiligen Sprüchen. Erst nach langer Zeit gelang es dem Scharfrichter zu Zeitz, der ein in der schwarzen Kunst gar wohl erfahrener Mann war, durch eine bewährte Bannformel das widerspenstige Männchen zu vertreiben.

Wie die Sage meldet, soll dieses unheimliche Männchen einst ein ungerechter Richter gewesen sein, der nun zur Strafe für seine im Leben begangenen Betrügereien nach seinem Tode in die Nähe der Jakobseiche verbannt wurde. Hier geht er noch heute um und ist bestrebt, den vorübergehenden Leuten Böses zuzufügen.

Die alte Jakobseiche wurde am 19. März 1910 gefällt, und im gleichen Jahre wurde schräg gegenüber eine junge Eiche gepflanzt. Diese steht heute noch.

ENDE