Die Laterne in der Abtei
Wenn man des Abends bei sternloser Finsternis durch die Abtei, einen fruchtbaren Landstrich, den der Wethaubach lustig durchfließt, einsam und allein dahin wandert, sieht man oft drüben am Walde oder auch im freien Felde ein helles Licht wie von einer Laterne als Begleiter nebenher wandeln. Langsam und ruhig zieht das Licht eine Strecke neben dem nächtlichen Wanderer her, bis es endlich fern im Walde oder plötzlich mitten im Felde verschwindet, ohne dass man weiß, wohin es gekommen ist. Es ist kein Irrlicht, das uns durch seinen bläulichen Schein trügerisch in Sumpf und Moor lockt, sondern ein freundliches, mildes Licht, das jeder dort zu Lande kennt und vor dem sich keiner fürchtet.
Einstmals führte durch die Abtei die alte Reichstraße, die an dieser Stelle die Weinstraße hieß und noch jetzt so genannt wird. Sie verband Ost- und Westdeutschland, war also ein höchst wichtiger Handelsweg, nichtsdestoweniger aber der schlechtesten und jämmerlichsten Straßen eine weit und breit im ganzen Lande, so dass die Fuhrleute ihre liebe Not hatten, nur mit heilem Geschirre davon zu kommen. Nun fuhr einmal in einer dunklen, stürmischen Nacht ein fremder Fuhrmann noch spät mit seinem schwerbeladenen Wagen durch die Abtei. Da er jedoch den Weg nicht kannte und die dichte Finsternis der Nacht auch nicht die nächsten Gegenstände deutlich unterscheiden ließ, so stürzten Pferd und Wagen in einen tiefen Graben voller Sumpf und Kot, aus dem sie nicht wieder sogleich herauszubringen waren. Da tat der ärgerliche Fuhrmann ob des Unfalls einen so schrecklichen Fluch und stieß so furchtbare Drohungen aus, dass er zur Strafe jede Nacht, wenn Weg und Steg dunkel und finster sind, mit seiner Laterne einsamen Wanderern und Fuhrleuten leuchten und sie treulich begleiten muss.
ENDE