Eisenberg / Thüringen

Die neun Äcker in Eisenberg

Die nördlich von der Stadt Eisenberg oberhalb der sogenannten Weiden- und Schneckenmühle liegenden Felder werden im Volke die neun oder unrichtigerweise die neuen Äcker genannt. Neu sind sie nicht, denn vor uralter Zeit waren sie schon da. Aber neun Äcker sind es, und zu dieser Benennung sind sie auf folgende Weise gekommen:
Vor vielen Jahren, als noch nach des Kaisers Karolus des Fünften hochnotpeinlicher
Halsgerichtsordnung der Menschen Sünden im Heiligen Deutschen Reiche abgeurteilt und bestraft wurden, da hatte sich zu Eisenberg eine Ehemann mit einer Jungfrau nicht so betragen, wie diese es mit ihrer Ehre vereinbaren und jener es vor seiner getreuen Ehegattin verantworten konnte. Als nun über beide Missetäter peinlich Gericht gehalten werden sollte, hatte sich der treulose Ehemann heimlich bei Nacht und Neben davongemacht. Die Jungfrau aber ward vor Gericht gestellt und zum Tode durch das Schwert verurteilt. Da wurde denn auf jenen Feldern nahe der Stadt, oberhalb der Schneckenmühle, da Schafott errichtet, und der neue Scharfrichter, der ein wackerer Künstler in seinem Fache war, gedachte an der Delinquentin sein Meisterstück zu machen. Nun war die arme Sünderin von so wunderbarer Schönheit, dass sie sogar das harte Herz des Scharfrichters rührte und er sich gelobte, die rauen Hände seiner Knechte wenigstens sollten das schöne Mädchen nicht antasten. Als er daher kunstgerecht den Kopf der Armen auf einen Streich heruntergeschlagen hatte, nahm er sogleich ein Stück grünen Rasens, deckte es, noch ehe das Blut den Adern entströmte, fest auf den Rumpf der Enthaupteten und, indem er mit starker Hand deren Leib ergriff, führte er sie herab vom Schafotte bis zu dem lohenden Scheiterhaufen, der ihren entseelten Leib in seinen Flammen begraben sollte. Ohne Kopf schritt so der blutige Rumpf an der Seite des Scharfrichters durch das entsetzte, schreiend davon fliehende Volk dahin bis zum nahen Holzstoße. Neun Äcker Landes war der Weg lang, neun Äcker durchschritt der unerschrockene Scharfrichter mit dem kopflosen Leibe, den er, am Scheiterhaufen angekommen, kräftig in die züngelnden Flammen schleuderte.

Jene neun Äcker aber, die die Leiche durchschritt, schenkte die Stadt dem Meister, und noch heute heißen sie im Volke die neun Äcker.

ENDE