Die Zwerge in der Raudamühle
Das war doch vor Zeiten gar zu herrlich und prächtig mit den kleinen, dienstfertigen Kobolden und Zwergen, den gutmütigen Gnomen und Alraunen, die, wie zu Köln die kleinen Heinzelmännchen, Glück und Wohlstand in jedes Haus brachten und alle unliebsame Arbeit hurtig selbst taten oder sie wenigstens wohl gelingen ließen. Allein Neugierde und Mutwille haben all die friedlichen, geschäftigen Geister verscheucht. Mit schweren Flüchen gegen das boshafte Menschenvolk haben sie sich wieder tief hinein in den Schoß der guten Erde, ihrer schützenden Heimat, auf Nimmerwiederkehr zurückgezogen.
So lebten und schafften auch in der Raudamühle vor langen Jahren eine Menge gefälliger Zwerglein, die Haus und Vieh wohl instand hielten und allem Gedeihen und Segen brachten. Denn sie merkten wohl auf und waren wachsam Tag und Nacht. Wo etwas versehen war, da holten sie es heimlich nach; wo etwas geschehen musste, da war es über Nacht getan, und niemand wusste, wie es gekommen war. Sie sorgten dafür, dass dem Vieh nichts passierte, dass in der Mühle alles blank und im Stande war. Sie machten es, dass das Mehl schön weiß wurde und das Getreide so viel Mehl gab, wie in keiner anderen Mühle. Sie regten und plagten sich, dass das Wasser zum Mahlen niemals ausging. Kurzum, sie waren überall, vergaßen nichts und besorgten alles gut und trefflich. Dafür aber verlangten sie auch, dass ihnen stets zur rechten Zeit in reinlichen Schüsseln etwas Obst und ein kleines, nicht zu hartes und schön gelbes Brötchen an einen besonderen Ort gestellt wurde. Die Müllersleute taten das immer gern und willig, denn sie wussten, dass sonst die guten Kobolde sofort die Mühle verlassen würden. Auch wenn Kuchen gebacken wurde, musste ihnen ein Stück vom besten gegeben werden. Wurde dies einmal versäumt, so taten sie Müller und Gesellen allerlei ärgerlichen Schabernack an. Nur den Kümmel vom Brote konnten sie nicht leiden, denn davon wurden sie krank und starben sogar, und man konnte ihr Ächzen und Stöhnen die ganze Nacht in der Mühle hören. Dies wussten nun zwar alle Mühlenbewohner; allein die neugierige junge Müllerin hätte gar zu gern einmal die kleinen Zwerge gesehen und setzte ihnen deshalb in der Hoffnung, die Kleinen würden doch nicht gleich das Haus verlassen, ein niedliches gelbes Brötchen vor, in das sie eine Menge Kümmelkörner gebacken hatte. Jedoch alle Zwerglein, die von dem Brote gegessen hatten, wurden heftig krank. Die ganze Nacht stöhnte und ächzte es in der Mühle, auf dem Boden und in den Kammern, wie von zahllosen piependen Mäusen, und schon in der nächsten Nacht packten die Zwerge ihr Hab und Gut zusammen und verließen alle die Mühle, in der man sie so schlimme behandelt hatte. Da half nun freilich kein Weinen und Wehklagen der vorwitzigen Müllerin; keine Reue brachte die guten Zwerge wieder zurück, mit denen Wohlstand und Segen auf immer von der Mühle gewichen waren.
Unter der Raudamühle ist die jetzige Weißenmühle zu verstehen.
ENDE